Georeferenzierung in IFC: Was LoGeoRef bedeutet und warum es in der Praxis zählt

Georeferenzierung in IFC: Was LoGeoRef bedeutet und warum es in der Praxis zählt

Ein BIM-Modell landet nach dem Import 500 km vom richtigen Ort entfernt. Oder es sitzt im Ursprung (0,0,0) statt in der Schweizer Landeskoordinate. Oder zwei Tools lesen dasselbe Modell und platzieren es unterschiedlich.

Das ist kein Exportfehler. Das ist ein Georeferenzierungsproblem.

Im IFC-Standard existieren seit Jahren die Entitäten und Mechanismen, um ein Modell präzise in ein geodätisches Referenzsystem einzubetten. Die zentrale Frage lautet: Welche Entität wird wann korrekt verwendet?

Hier kommt das LoGeoRef-Konzept ins Spiel. Fünf Stufen, von der Postadresse bis zur voll referenzierten Koordinatentransformation. Jede Stufe beschreibt, wie viel georäumliche Information in einer IFC-Datei steckt und über welche Entitäten sie transportiert wird.

Das klingt nach Theorie. In der Praxis entscheidet es darüber, ob Ihr Modell im Koordinatensystem des Auftraggebers landet oder im Nirgendwo.


Was ist LoGeoRef?

LoGeoRef steht für Level of Georeferencing. Das Konzept wurde 2019 von Christian Clemen und Hendrik Görne (HTW Dresden) als akademischer Vorschlag publiziert, um die Georeferenzierungsqualität in IFC-Dateien messbar zu machen. Es handelt sich nicht um einen offiziellen buildingSMART- oder ISO-Standard, sondern um eine Metrik, die sich in Fachkreisen als De-facto-Vokabular etabliert hat.

Akademischer Ursprung
Clemen & Görne (HTW Dresden)
Journal of Geodesy, Cartography and Cadastre, 2019
Heutige Verwendung
buildingSMART Deutschland
BIM Fit Check 2025, ER / EIR / BEP
Technische Basis
ISO 16739
IFC 4.3.2 Entitäten von buildingSMART

Clemen und Görne beschreiben den Zweck so: LoGeoRef soll eine gemeinsame Sprache liefern, die in BIM-Prozessen für die Beschreibung des Exchange Requirements (ER), des Employer's Information Requirements (EIR) und des BIM Execution Plan (BEP) verwendet werden kann.


Die fünf Stufen im Überblick

Von grober Adresse zur präzisen Koordinatentransformation
LoGeoRef 10
Postadresse
LoGeoRef 20
Geografische Koordinaten auf IfcSite
LoGeoRef 30
IfcLocalPlacement der IfcSite
LoGeoRef 40
WorldCoordinateSystem + TrueNorth (Float-Risiko)
EMPFOHLEN
LoGeoRef 50
IfcMapConversion + IfcProjectedCRS

LoGeoRef 10: Postadresse

Die einfachste Form der Georeferenzierung. Das Modell enthält eine IfcPostalAddress, die einer IfcSite oder einem IfcBuilding zugewiesen ist. Die Adresse kann Strasse, Ort, Postleitzahl und Land umfassen.

IfcPostalAddress IfcSite IfcBuilding
Erlaubt keine Koordinatentransformation, bietet aber eine grobe räumliche Einordnung. Reicht für minimale Dokumentation, nicht für technische Integration.

LoGeoRef 20: Geografische Koordinaten auf IfcSite

IfcSite enthält die Attribute RefLatitude, RefLongitude und RefElevation. Die Koordinaten werden als Compound-Plane-Angle (Grad, Minuten, Sekunden, millionstel Sekunden) gespeichert.

IfcSite.RefLatitude IfcSite.RefLongitude IfcSite.RefElevation
Stellt einen geografischen Bezugspunkt her. Rotation gegenüber Nord und exakte Lage im Koordinatensystem sind aber noch nicht definiert. Ausreichend für grobe Lagebeschreibungen, nicht für präzise Modellplatzierung.

LoGeoRef 30: IfcLocalPlacement der IfcSite

Die Position des obersten räumlichen Strukturelements (typischerweise IfcSite) wird direkt im IfcLocalPlacement abgelegt: X-, Y- und Z-Koordinaten plus Achsenrichtungen über IfcAxis2Placement3D. Voraussetzung ist, dass das Element keine Relativ-Platzierung zu einem anderen Element hat (PlacementRelTo leer).

IfcLocalPlacement IfcAxis2Placement3D IfcSite
Erlaubt eine echte Verortung im Raum, jedoch ohne expliziten Bezug zu einem geodätischen Koordinatenreferenzsystem. Die Bedeutung der Koordinaten muss aus dem Kontext oder aus Begleitdokumenten erschlossen werden.

LoGeoRef 40: WorldCoordinateSystem und TrueNorth

IfcGeometricRepresentationContext enthält WorldCoordinateSystem (WCS) und TrueNorth. Das WCS kann genutzt werden, um das Modell-Koordinatensystem relativ zum globalen Norden zu rotieren und zu verschieben.

⚠️
Anti-Pattern bei grossen Offsets
IfcGeometricRepresentationContext WorldCoordinateSystem TrueNorth
Viele 3D-Engines verwenden 32-Bit-Float für Koordinaten. Werden die nationalen Koordinaten direkt in das WCS geschrieben (CH: E 2'600'000 / N 1'200'000), entstehen erhebliche Präzisionsverluste. Geometrie wird fehlerhaft, Importe unzuverlässig. Für die saubere Trennung zwischen Modellkoordinaten und Geo-Bezug ist Stufe 50 vorgesehen.

LoGeoRef 50: IfcMapConversion und IfcProjectedCRS

Dies ist die höchste implementierte Stufe und die empfohlene Methode für eine vollständige Georeferenzierung in IFC. Zwei Entitäten arbeiten zusammen.

IfcProjectedCRS
Beschreibt das Ziel-Koordinatensystem.
  • • Name (z.B. CH1903+/LV95)
  • • EPSG-Code (z.B. 2056)
  • • Geodätischer Datum
  • • Projektion und Längeneinheit
IfcMapConversion
Definiert die Transformationsparameter.
  • • Eastings, Northings, OrthogonalHeight
  • • XAxisAbscissa = cos(Winkel)
  • • XAxisOrdinate = sin(Winkel)
  • • Optionaler Scale-Faktor (Default 1.0)

IfcMapConversion verknüpft das IfcGeometricRepresentationContext mit dem IfcProjectedCRS. Das eigentliche Modell behält damit kleine, numerisch stabile Koordinaten, der Bezug zum nationalen System wird ausschliesslich über die Konversion hergestellt. LoGeoRef 50 ist die Grundvoraussetzung für eine korrekte BIM-GIS-Integration.

Erweiterungen in IFC 4.3

Mit IFC 4.3 (genauer: IFC4X3_ADD1) sind zwei zusätzliche Entitäten dazugekommen, die innerhalb von LoGeoRef 50 verwendet werden können und insbesondere für lineare Infrastruktur relevant sind.

4.3
Neu in IFC 4.3 (ADD1)
IfcMapConversionScaled
Subtyp von IfcMapConversion mit separaten Skalierungsfaktoren für X, Y und Z (FactorX, FactorY, FactorZ). Bildet projektspezifische Massstabsverzerrungen ab, die bei langen Trassen durch Projektion und Höhe entstehen.
IfcRigidOperation
Supertyp von IfcMapConversion. Reine Translation im 3D-Raum mit den Attributen FirstCoordinate, SecondCoordinate und Height (optional). Bewusst ohne Rotation und ohne Skalierung, was sie zur richtigen Wahl macht, wenn das lokale Modellsystem bereits parallel zum Zielsystem orientiert ist.

Wann IfcRigidOperation die richtige Wahl ist

In der Praxis ist IfcRigidOperation häufig die saubere Lösung, nicht die schlechte Variante von IfcMapConversion. Sie kommuniziert explizit, dass nur ein Versatz nötig ist und keine Rotation oder Skalierung dazwischenliegt.

Trassennahes Modellieren
Bei Bahn-, Strassen- oder Tunnelprojekten wird oft entlang der Trasse modelliert, mit lokaler X-Achse parallel zur Trassenrichtung und korrekter Nordausrichtung. Hier reicht ein reiner Offset, jede zusätzliche Rotation würde nur Fehlerquellen einführen.
Klare Semantik
IfcMapConversion mit XAxisAbscissa = 1 und XAxisOrdinate = 0 wäre mathematisch identisch, aber semantisch unklar. IfcRigidOperation drückt direkt aus: "kein Drehwinkel, kein Massstabsfaktor, nur Translation".
Vermeidet Doppel-Rotationen
Ist die Modellausrichtung bereits korrekt, schliesst der Verzicht auf XAxisAbscissa/XAxisOrdinate Konflikte mit TrueNorth oder mit Konventionen einzelner Importer aus.
Konzeptuell minimal
Über die Vererbung (IfcMapConversion ist Subtyp) bleibt die Aufrüstung auf Rotation und Skalierung jederzeit möglich. Wer nichts davon braucht, sollte auch nichts davon angeben.

Voraussetzung in jedem Fall: Das Zielsystem muss zusätzlich über IfcProjectedCRS mit Name und EPSG-Code definiert sein. Ohne diese Angabe ist der Versatz nicht maschinell interpretierbar.


Vergleichstabelle der Stufen

StufeMechanismusPräzisionGIS-IntegrationEmpfehlung
10IfcPostalAddressSehr geringNeinNur Doku
20RefLatitude / RefLongitude / RefElevationNiedrigEingeschränktGrobe Lage
30IfcLocalPlacement der IfcSiteMittelEingeschränktKein CRS-Bezug
40WorldCoordinateSystem + TrueNorthRisiko bei grossen OffsetsEingeschränktVermeiden
50IfcMapConversion + IfcProjectedCRSHochVollständigEmpfohlen

Im Original-Paper diskutieren Clemen und Görne zusätzlich eine theoretische Stufe LoGeoRef 60 mit Ground Control Points. Sie ist nicht implementiert und spielt in der Praxis bisher keine Rolle.


Die häufigsten Fehler in der Praxis

Redundante Stufen: LoGeoRef 40 und LoGeoRef 50 gleichzeitig gesetzt, also Geo-Information sowohl im WCS als auch in der IfcMapConversion. Das erzeugt widersprüchliche Platzierungsinformationen. Welcher Mechanismus greift, hängt vom importierenden Tool ab und ist nicht vorhersagbar.

TrueNorth-Konflikt: TrueNorth in IfcGeometricRepresentationContext gesetzt und gleichzeitig eine Rotation in der IfcMapConversion. Beide Rotationen überlagern sich. Das Modell ist um den Differenzwinkel verdreht.

Vertauschte Achsen: XAxisAbscissa und XAxisOrdinate in IfcMapConversion sind vertauscht. Mathematisch korrekt gilt: XAxisAbscissa = cos(Winkel), XAxisOrdinate = sin(Winkel). Eine Verwechslung dreht das gesamte Modell um den doppelten Winkel.

Fehlender oder falscher EPSG-Code: IfcProjectedCRS enthält keinen oder einen ungültigen EPSG-Code. Das Ziel-Koordinatensystem ist damit nicht maschinell auflösbar. Für die Schweiz: EPSG 2056 (LV95).

IfcRigidOperation falsch eingesetzt: IfcRigidOperation ist die richtige Entität, wenn keine Rotation und keine Skalierung gegenüber dem Zielsystem nötig sind (siehe Abschnitt oben). Problematisch wird es, wenn ein Autorentool sie verwendet, obwohl das Modell-Koordinatensystem tatsächlich gegen Grid-Nord verdreht ist. Beim IFC4.3-Export aus Autodesk Civil 3D ist diese Konstellation aus der Praxis bekannt und in mehreren Autodesk-Support-Artikeln sowie Forenthreads dokumentiert. Da IfcRigidOperation per Spezifikation nur Translation in X, Y und Z abbildet, geht eine WCS-Verdrehung gegenüber Grid-Nord beim Export verloren, das Modell landet in nachgelagerten Viewern verschoben oder gegen Norden verdreht. Mit Civil 3D 2026 (IFC 4.3 Extension 2026-23) hat Autodesk die Konfiguration verbessert, eine Option, stattdessen IfcMapConversion mit Rotationsanteil zu erzwingen, fehlt aber weiterhin. Wer eine Verdrehung sauber abbilden muss, korrigiert die Datei aktuell nachträglich, etwa mit ifcgref oder IfcOpenShell.


Praktische Empfehlung für Schweizer Infrastrukturprojekte

CH
LoGeoRef 50 als Mindeststandard
CH1903+/LV95 mit EPSG 2056
IfcProjectedCRS
Name "CH1903+/LV95", EPSG-Code 2056, Längeneinheit Meter
IfcMapConversion
Eastings (E), Northings (N), OrthogonalHeight, korrekte Rotationswerte
Kein WCS-Offset
Modellkoordinaten klein halten, geodätischer Bezug ausschliesslich über IfcMapConversion
Validierung
Prüfung mit IfcGeoRefChecker (HTW Dresden, Repository archiviert, Weiterentwicklung im City2BIM-Projekt)

Für lange Trassen, bei denen Massstabsverzerrungen eine Rolle spielen, lohnt sich die Verwendung von IfcMapConversionScaled mit separaten Skalierungsfaktoren für X, Y und Z innerhalb von LoGeoRef 50.


Quellen

Clemen, C. & Görne, H. (2019)
Level of Georeferencing (LoGeoRef) using IFC for BIM. Journal of Geodesy, Cartography and Cadastre, No. 10.
buildingSMART, IFC 4.3.2 Dokumentation
Offizielle Spezifikation der Entitäten IfcMapConversion, IfcMapConversionScaled und IfcRigidOperation.
buildingSMART Deutschland (2025)
BIM Fit Check Georeferenzierung 2025. Organisation: R. Raacke, technische Entwicklung: Š. Jaud, Jury u.a. C. Clemen.
buildingSMART Australasia (2020)
User Guide for Geo-referencing in IFC v2.0.
Noardo et al. (2020)
Tools for BIM-GIS Integration. ISPRS Int. J. Geo-Inf. 9(9), 502.
DD-BIM IfcGeoRef Documentation v3 (DEU)
Detaildokumentation der LoGeoRef-Stufen aus der Forschungsgruppe um C. Clemen (HTW Dresden). Repository archiviert seit April 2023, Weiterentwicklung im City2BIM-Projekt.

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